Äthiopien Teil III: Der ganz normale Reisealltagswahnsinn! (2/2)

Fortsetzung von „Äthiopien Teil III: Der ganz normale Reisealltagswahnsinn! (1/2)“ [http://wp.me/p6rZXe-N0]

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Waaassss? Drei-Tages-Reise? Wieso denn sowas? 😕 – Ganz einfach! Nach dem christlich geprägten Norden gilt es sich nun einen Eindruck vom islamisch geprägten Osten zu machen! Und das sind nun mal in meinem Fall drei Tagesreisen.

Harar:
Bevor ich mir hier einen abbreche, übersetze ich die historische Bedeutung mal frei aus den englischen Reiseführern.

‚Geschichtlich tief verwurzelt und reich an Charakter, ist die Zitadelle von HARAR das geistige Zentrum der muslimischen Gemeinde Äthiopiens. Seine ummauerte Altstadt – Harar Jugol – gilt als die viert heiligste Stadt in der islamischen Welt und ist seit 2006 von der UNESCO als Weltkulturerbe eingetragen. Im Arabischen heißt die Altstadt Madina al-Awilya – „Stadt der Heiligen“ – eine Anspielung auf die 82 Moscheen und 102 Gräber von heiligen Männern verpackt in einem kompakten Bereich von nur ca. 1 km² mit 368 verwinkelten Gassen.‘

Klingt interessant? Ist es auch! Was fällt auf? So einiges…!

Herzlich Willkommen in Harar. Zur Begrüßung: eine ordentliche Portion Regen verwandelt die Straßen zu Bächen. Aber viel interessanter auf dem Bild: unter dem Springbrunnen ist das Nachtlager einiger Obdachloser. Not macht erfinderisch! Aber nichts Besonderes in Äthiopien. Wenn es dunkel wird, liegen überall Obdachlose am Straßenrand.
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1.) Faranji: Mein neuer Name lautet „Faranji“, was so viel heißt wie (westlicher) Ausländer. Aus mimiunterwegs wird faranjiunterwegs… Auf Dauer nervig, wenn man immer wieder als Ausländer tituliert wird um danach zu 30-50% nach Geld gefragt zu werden.

Derweil habe ich mir mit meinem Omani-Hut doch Mühe gegeben nicht aufzufallen ;)!
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2.) Religiöse Toleranz: Die Altstadt ist vor allem islamisch geprägt, die neue Stadt drumherum hingegen zumeist christlich. Aber auch in der Altstadt existieren zwei Kirchen. Harar zeigt seit Jahrhunderten, wie eine religiöse Toleranz gelebt werden kann.

3.) Stadtbild: Endlich mal wieder ein richtiges, herrliches Stadtbild. Darauf habe ich lange nach dem Iran- und Istanbul-Besuch warten müssen. Ein gewisse Ähnlichkeit zum iranischen Yazd (siehe Blog: http://wp.me/p6rZXe-DF) ist nicht abzustreiten. Zudem fallen die Märkte auf, wo Frauen in knallbunten Kleidern ihre Waren verkaufen. Aber auch die Häuser sind fast alle bunt gestrichen. Jedes Jahr vor Ramadan werden sie neu mit Farbe versehen!

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– Oldtimer sind Standard hier: 60 Jahre alte Peugeots! Nur ein was deutet auf Moderne hin – die Aufkleber von Arsenal-Stars…
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1 frisches Brötchen = 1 Birr = 4 Cent…
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Recycling-Markt: Hier wird scheinbar noch jedes Schrott-Teilchen weiterverarbeitet. Wieder mal Handarbeit deluxe. Respekt ihr geilen Afrikaner!
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4.) Harari-Haus: Die Häuser, die die traditionelle Harari-Kultur beibehalten haben, präsentieren sich farbenfreudig mit unzähliger exotischer Deko. Eines dieser Häuser wurde für 4 Tage zu meiner Obdach. Endlich wird mal ein stilvoller, entspannter Ort zum Übernachten geboten!

Das Haupthaus besteht aus einem großen Wohnzimmer und drei Gästezimmern. Eines der Gästezimmer ist die Honeymoon Suite. Die Tradition einer arrangierten Ehe besagte, dass das neue Ehepaar 1 Woche lang in der blickdicht abgeschotteten Suite gemeinsam verbringen muss um sich kennenzulernen. Kommunikation mit der Außenwelt und Essensgabe erfolgte nur durch ein kleines Fenster.

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Und noch drei weitere Beispiele der Harari Tradition:
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5.) Khat 🌿: In Harar’s hügeliger Umgebung wird vor allem Khat produziert, angeblich das weltweit Beste. Demnach ist auch klar, was mindestens die Hälfte der Bevölkerung hier tagein tagaus betreibt – endloses Kauen von grünen Blättern, die im Hochland der Region Somalia, Dschibuti und Äthiopien (Horn von Afrika) bereits seit Jahrtausenden als Aufputschmittel kultiviert sind. Mittlerweile ist es in weiten Teilen Arabiens und am Horn von Afrika als legale „Droge“ eingestuft, was wiederum die Muslime erfreut, da diese Kath als Ersatz vom verbotenen Alkohol konsumieren dürfen. Ganz religionskonform scheint das aber nicht zu sein… Aber gut, den Muslimen sei es gegönnt 😇.

Der Verkauf von Khat verspricht durch einen erhöhten Konsum innerhalb Äthiopiens und den Export immer höhere Einnahmen. Grund genug, dass hier in der Region immer weniger Kaffee angebaut wird.

Angeblich soll es ja wirklich eine aufputschende Wirkung haben – ähnlich der Wirkung von Energydrinks. Wenn man sich aber so ein bisschen in der Stadt umguckt, denkt man eher, dass hier ordentlich THC im Blut der Konsumenten gelandet ist… so wie die hier in jeder Ecke abhängen ✌.

Interessant zudem: Für die Zahnlosen (von denen gibt’s hier doch recht viele) unter den Khat-Besessenen hilft nur noch die Stampferei um anschließend wie ein Baby ein Mus zu sich nehmen zu können.

Einen Vorteil könnte Khat tatsächlich haben. Es könnte die Lösung für die Bevölkerungsexplosion sein. Der Konsum von Khat lässt nämlich die Potenz der Männlichkeit erlahmen. (Achtung: Dieser Absatz enthält eine gewisse Portion Ironie.)

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6.) Umgebung – Affen und „Penis“-Felsen: Sexter Stichpunkt & Penis… Man Man Man, ist das hier wieder mal ein sexistisches Drecksniveau! Aber hey, die Feststellung, dass es sich um Penis-Felsen handeln könnte, kam nicht von mir, sondern von der weiblichen Belegschaft des Minibusses… Jaja, versautes Gedankengut dieser Belgierinnen! 👼
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Das war’s, Lars! Ich habe fertig! … Nach ca. 75 Stunden und 3.300 Kilometern auf Äthiopiens Straßen – meist in nur bedingt komfortablen Bussen – reicht’s mir jetzt auch erstmal. Als Durchschnittsgeschwindigkeit resultieren stolze 44 km/h. Es geht also eher gemächlich (wenngleich nicht minder gefährlich und chaotisch) zu auf äthiopischen Straßen.

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Auf Wiedersehen Äthiopien! Nun geht’s zurück nach Deutschland.
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Schlussbemerkung: Nach all den Eindrücken in Äthiopien fragt man sich doch wirklich, ob wir in Deutschland wirklich noch alle Tassen im Schrank haben?! Da beschäftigen wir uns wirklich 40-50 Stunden pro Woche mit Geld verdienen um schließlich vor einer dieser sinnlosen Luxusprobleme zu stehen: Ohhh, die neue Smartphonegeneration ist auf den Markt gekommen, muss ich haben. Ahhh, aber irgendwie interessiere ich mich aber auch für dieses geile, neue Gefährt… Hmmm, wie vernichte ich nun das (hart erarbeitete) Geld…

Macht dieses bekloppte Besitztum wirklich glücklich?!

🔚🔚🔚🔚🔚🔚 🔚🔚🔚 NACHBETRACHTUNG! 🔚🔚🔚🔚🔚🔚🔚🔚🔚

Allgemeine Eindrücke vom individuellen Reisen in Äthiopien:

Nach den Erfahrungen in Asien steht fest, dass sich das wahre Afrika, zudem Äthiopien definitiv gehört, unmöglich mit Asien vergleichen lässt. Äthiopien bzw. Afrika ohne seine nördlichsten Länder ist einfach eine ganz andere ‚Hausnummer‘. Warum? – Gut, versuchen wir mal ein paar Antworten zu erarbeiten:

🔎 enorme Differenz zwischen Einheimischen und Touristen in finanzieller Hinsicht: Man wird zu 99% als mächtig reich angesehen (wie in unserer westlichen Welt ist hier das Schubladendenken leider ebenfalls omnipräsent, Vorurteil: weißer Mensch = 💰💳💲💵💴💶💷💸💱) und das lässt man den Tourist tagtäglich spüren.
– Hier wird gebettelt was das Zeug hält. Mag auch seine Berechtigung haben. Auf Dauer nervt es aber gehörig.
– Ok, manche Einheimische wollen vielleicht einfach nur ein nettes Gespräch führen. Aber der Großteil lässt durchblicken, dass er in Wirklichkeit aufs Geld aus ist.
– Preisunterschiede: Selten, dass sich die Preise mal nicht für Einheimische und Touristen unterscheiden. Ob dies wiederum seine Berechtigung hat, wage ich zu bezweifeln. Auf Dauer nervt es ebenfalls, dass ständig versucht wird die Touristen zu verarschen. Leider lassen sich zu viele dieser 0815-Touristen verarschen und zahlen so gut wie alle x-beliebigen Preise. Resultat: höhere Preise für alle (auf Dauer vielleicht sogar für die Einheimischen selber)! Zum Glück gibt es Gleichgesinnte, die das genauso sehen und gleich einen ganzen Blog darüber geschrieben haben. Bei Interesse empfiehlt es sich hier weiterzulesen: http://weltreiseforum.com/blog/harar-wie-mich-hyaenen-vor-ein-moralisches-problem-stellten/  

=> Problem an den oben genannten Punkten: eine gestörte Vertrauensbasis zwischen Tourist und Einheimischen

=> Resultat: Der Tourist neigt dazu, die zahlreichen Kontaktaufnahmen der Einheimischen strikt und ohne großartige Kommunikation abzublocken. Eigentlich schade, aber anders geht’s leider nicht, wenn ständig der Versuch droht, verarscht zu werden.

PS: Andere Reisende bestätigen diese Problematik. Ein italienischer Radreisender berichtet z. B. von nervenden, hinter ihm her rennenden Kindern, die das scheinbar nicht nur aus Spaß machen. Oder warum schmeißen sie sonst mit Steinen nach ihm… Weiterhin konfrontiert er die Äthiopier, wenn sie ihn gerade mal wieder finanziell verarschen wollen, mit dem Inhalt der Bibel gemäß „Du sollst nicht stehlen!“. Immerhin dieser Verweis auf ihre religiöse Vorsätze scheint zu fruchten 😇.

🔎🔎 Eine Wohlfühloase für Individualreisende ist Äthiopien nicht! Neben den oben genannten Gründen gibt’s hierfür zwei weitere Gründe:

1.) Unterkünfte: Existenz von Backpacker-freundlichen Hostels/Hotels (wo man einfach mal paar Stunden/Tage richtig schön entspannt abgammeln kann oder auch mit anderen Reisenden ins Gespräch kommt) – Fehlanzeige! Meist trifft man auf recht unpersönliche Unterkünfte, wenn man nicht gerade unnötig viel Geld ausgeben will.

2.) Transport: Die lokalen Transportmöglichkeiten sind begrenzt, nehmen meist sehr viel Zeit in Anspruch* und zehren an den Kräften.

* u.a. aufgrundnd der großen Entfernungen, der zu bewältigenden Höhenunterschieden, des schlechten Zustands der Straßen und der vielfältigen Nutzung der Straße (Fußweg, sozialer Treffpunkt, Lagerfläche, Lebensraum und Arbeitsplatz der Nutztiere…)

🔎🔎🔎 Kosten:

– Transport: lokal = günstig, aber unbequem und nervenaufreibend, privat = teuer (u.a. aufgrund der hohen Importpreise von Ersatzteilen, z.B. ein Stück Markenreifen für Minibus = ca. 500 €)

– Essen+Getränke: (sehr) günstig!

– Unterkünfte: etwas höhere Preise für Alleinreisende aufgrund des Fehlens von Hostels mit Gemeinschaftsschlafsäalen. Doppelzimmer meist recht günstig.

– Touriprogramm (geführte Ausflüge und Eintrittsgebühren): teuer bis sehr teuer

=> Kostenfazit: recht günstig, aber nicht so günstig wie erwartet!

🔎🔎🔎🔎 Nichtsdestotrotz! Äthiopien hat sehr viel zu bieten, vor allem geile Natur und interessante Kultur. Als Individualreisender muss man das oben beschriebene Übel einfach in Kauf nehmen!

Zuguterletzt wie gewohnt eine kurze Zusammenfassung.

Resümee:
👍👍👍 Vielfältige Natur: trockene Steppe, Hochgebirge, grünes Hochland,… und wer weiß schon, was sich mit privaten Gefährt alles sonst noch entdecken ließe… Meist blieben einem nur staunende Blicke aus dem Bus. Herrlich!
👍👍 Kultur und Lebensweise: traditionell, religiös tief verwurzelt, eigen- und einzigartig. Eindrücke, die eine gewisse Gefühlsachterbahn hervorrufen – Kopfschütteln und zurückbleibende Fragezeichen gepaart mit Schmunzeln und respektvoller Anerkennung.
👍 Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft & Sicherheit: Blendet man bewusst mal die paar abzockenden Arschlöcher aus, kommt man schlussendlich dann doch zu diesem Resultat: man trifft zumeist auf freundliche, hilfsbereite Zeitgenossen, die ein sicheres Reiseerlebnis möglich machen. Und Sicherheit ist in Afrika nicht gänzlich selbstverständlich.

👎 Unterkünfte: alles schön und gut, aber es fehlt einfach das Quentchen Gefühl dem Reisenden das gewisse Extra zu bieten.
👎👎 Transport: Abseits der Highways wird’s – was das Fahren mit den lokalen Bussen angeht – wild, chaotisch, langsam, eng und nervenaufreibend. Zum Glück gibt’s auf den Hauptrouten bereits komfortable VIP-Busse, aber auch diese haben mit der schlechten Infrastruktur zu kämpfen.
👎👎👎 Ausnahmen bestätigen die Regel: Leider existieren die oben genannten Arschlöcher, die Touris als hirnlose Gelddruckmaschinen verstehen und somit das Abenteuer Äthiopien etwas drüben & vor allem ihren netten, hilfsbereiten Landsmännern die Vertrauensbasis entziehen.

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